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Sich die Welt ertasten

Vom Säugling zum Jung-Erwachsenen - jede Entwicklungsstufe hat seine Besonderheit.

Moderatoren: maeusemama21, Babett

Sich die Welt ertasten

Beitragvon Ralf » Mi 15. Jul 2009, 12:38

Sich die Welt ertasten: Der Tastsinn bei Säuglingen und Kleinkindern

Henri, zehn Wochen alt, ist unzufrieden: er gibt kleine Töne von sich, die nach Unbehagen klingen und strampelt mit Armen und Beinen. "Gleich wird er anfangen zu weinen", denkt seine Mutter seufzend, dabei ist er doch satt und frisch gewickelt. Sie beeilt sich mit ihrer Hausarbeit fertig zu werden - vieles bleibt liegen, seit ihr Leben einen neuen Mittelpunkt bekommen hat. Auf einmal ist es ruhig: Henri hat mit seinen winzigen Fingern den Zipfel eines Tuches zu fassen bekommen und umklammert ihn fest mit seiner kleinen Hand. Seine Ärmchen scheinen ziellos zu rudern, doch schließlich landen drei seiner Finger und der Tuchzipfel in seinem Mund. Henri beginnt heftig zu saugen, zappelt weiter mit Armen und Beinen - wie es scheint vor Aufregung. Nach einigen Augenblicken verliert er das begehrte Objekt wieder, doch läßt er jetzt gurrende Laute hören, so als habe er eine angenehme Erfahrung gemacht. Er fährt fort mit seinen ungelenken Bewegungen - und tatsächlich landet der Tuchzipfel nach kurzer Zeit wieder in seinem Mund. Erneut fängt er an, daran zu saugen. Henri beginnt, seine Bewegungen zu koordinieren.

Mund und Zunge sind die bevorzugten Tastorgane des Säuglings

In einigen Wochen, wenn er diese Koordination noch besser gemeistert haben wird, wird er jedes Objekt, das er zu fassen kriegt, sofort zum Mund führen. Und auch noch in einem halben oder dreiviertel Jahr, wenn er schon durch die Wohnung krabbelt, wird er alles, was ihn interessiert, in den Mund stecken; oder daran kauen, darauf lutschen oder reinbeißen, wenn das Ding zu groß ist, um es zu bewegen.

Warum stecken Babys und Kleinkinder alles in den Mund?

Bei der Geburt ist der Tastsinn der von allen Sinnen am besten entwickelte. Dieser Sinn ist besser entwickelt, als sein Vermögen zu sehen, zu hören oder zu schmecken. Und von allen Organen, mit denen Tastreize wahrgenommen werden können: der Haut am ganzen Körper, den Händen und den Füßen, sind Mund und Zunge, die bevorzugten Tastorgane des Säuglings. Diese Bevorzugung hält noch einige Jahre an.

Wenn die Mutter des vierjährige Micha erschrocken anfängt zu schimpfen, - "Ich hab‘ Dir doch schon so oft gesagt, das ist schmutzig, davon kann man krank werden!" - weil sie ihn im Kaufhaus versonnen am Treppengeländer kauen sieht, während sie das Angebot an Wintermänteln geprüft hat, dann kann sie sicher sein, dass ihr Sohn das nicht tut, um sie zu ärgern, oder weil er "ungezogen" ist. Vielmehr ist er, wie alle Kinder, bis in sein fünftes Lebensjahr mit Mund und Zunge noch besser in der Lage, die Beschaffenheit eines Materials zu erforschen, als mit seinen Händen.

Forscher haben herausgefunden, dass schon sehr junge Babys in der Lage sind, sich ein Bild von dem zu machen, was sie mit ihrer Zunge und dem Gaumen ertastet haben: Zeigte man ihnen projizierte Bilder von verschieden geformten Nuckeln, genoppt oder glatt, dann bevorzugten sie denjenigen, den sie zuvor im Mund gehabt hatten. Wenn Babys und Kleinkinder jeden Gegenstand, dessen sie habhaft werden können, sofort in den Mund stecken, sammeln sie Informationen über die Dinge ihrer Umgebung. Sie machen sich "ein Bild davon". Erst mit etwa einem halben Jahr kann Henri unterschiedliche Materialien mit seinen Händen genauso gut ertasten, wie er das jetzt schon mit seinem Mund kann. Und erst mit 18 Monaten wird er feine Unterschiede an Gegenständen mit seinen Händen genau so gut wahrnehmen können, wie mit dem Mund.

Kleinkinder haben eine "lange Leitung"

Das, was wir unter dem Namen Tastsinn zusammenfassen, besteht im Grunde aus vier verschiedenen, voneinander getrennt funktionierenden Reizleitungen. Über diese werden die Reize von den Nervenzellen z.B. in der Haut, hin zu einem speziellen Feld in der Großhirnrinde weitergeleitet. Es gibt eigene Reizleitungen für Berührungsempfindungen, für Druck, Wärme und Kälte, sowie für die Stellung des Körpers im Raum.

Obwohl der Tastsinn bei der Geburt schon weiter ausgereift ist als die übrigen Sinne, ist er noch keineswegs fertig entwickelt: Erst im Alter von sechs Monaten sind die Sinneszellen im Rückmark vollständig "myelinisiert". So bezeichnet man den Prozess, in dem die Reizleitung der Nervenenden im Rückenmark und im Gehirn mit der Substanz Myelin umgeben wird. Durch diese Ummantelung wird eine vollständige und schnelle Weiterleitung eines Reizes sicherstellt. Die Myelinisierung der entsprechenden Hirnregionen findet im ganzen ersten Lebensjahr statt - durch ständige Berührungserfahrung.

Auch im Jugend- und Erwachsenenalter ist dieser Prozess noch nicht abschlossen - solange sich der Mensch auf neue Lernerfahrungen einlassen kann. Immer, wenn neue Bewegungen erlernt werden, findet ein solcher Myelinisierungsprozess statt. Jeder Fahrschüler hat diese Erfahrung gemacht: die ersten Schaltversuche, - die Koordination von Hand- und Fußbewegung bei gleichzeitigem Blick aufs Tacho, Hören auf das Motorengeräusch und Beachten des übrigen Verkehrs, waren äußerst mühsam. Sie erforderten die ganze Konzentration und gingen trotzdem öfter daneben. Später, nach entsprechender Übung, kann ein Fahrer das Schalten >automatisch<, weil die Reizleitungen im Gehirn myelinisiert sind. Wir können nun gleichzeitig noch reden, nachdenken und auf den Verkehr achten.

Der Prozess der Myelinisierung ist ein Grund, warum Kinder, je jünger sie sind, umso langsamer reagieren. Die Geschwindigkeit, mit der Tasterfahrungen wahrgenommen werden, entwickelt sich erst nach und nach. Deswegen haben Babys und Kleinkinder eine "lange Leitung". Ein wenige Wochen altes Kind reagiert sehr viel langsamer als ein Einjähriges. Dieses kann bei der Erfahrung "heiß" seine Finger viermal so schnell wegziehen, wie ein jüngeres Kind dazu in der Lage ist. Erst mit sechs Jahren hat ein Kind etwa die gleiche Reizleitungsgeschwindigkeit entwickelt wie ein erwachsener Mensch. Dies ist ein Grund, warum Eltern ihrem Kleinkind grundsätzlich mehr Zeit lassen sollten zu reagieren, wenn sie etwas von ihm möchten - z. B. dass es beim Anziehen kooperiert. Je jünger ein Kind, umso längere Zeit braucht es, um überhaupt wahrzunehmen und zu verstehen, was Vater oder Mutter von ihm wollen. In unserer, von hoher Geschwindigkeit und zunehmender Beschleunigung geprägten Zeit keine leicht Aufgabe für Eltern!

Die neun Monate alte Britt hat beim Krabbeln eine bunte Stecknadel gefunden, damit gespielt und sich damit in den Finger gepiekt: Es dauert einen ganzen Moment lang, bis sie das Gesicht verzieht, und anfängt zu schreien. Solange brauchte der Reiz, um als Schmerz wahrgenommen zu werden, und die entsprechende Reaktion, Schreien und die Hand wegziehen. Auch deswegen muss man jüngere Kinder besonders gut schützen. Ein acht Monate altes Kind, das sich an einem heißen Ofen aufrichtet, zieht sich schlimmere Verbrennungen zu, als sein vierjähriger Bruder, der mit dem gleichen Ofen den gleichen Kontakt hat: Das Baby kann noch nicht so schnell reagieren, weil die Reizleitungen seines Tastsinn, noch nicht so gut myelinisiert sind, wie bei einem älteren Kind. Auch hat ein Vierjähriger schon Erinnerungen an den Schmerz, der durch die Erfahrung "heiß" entsteht. Durch wiederholte Erfahrung sind seine Reizleitungen im Gehirn, die diese Erfahrung verarbeiten und schnell die richtige Reaktion veranlassen, schon viel stärker myelinisiert.

Noch vor wenigen Jahrzehnten glaubten Mediziner, Neugeborene können keinen Schmerz empfinden. Sie nahmen alle möglichen Eingriffe ohne Betäubung vor - eine schwerwiegende Fehleinschätzung, wie wir heute wissen. Ein Baby empfindet den Schmerzreiz ebenso wie ein Erwachsener. Doch wird im ersten Lebensjahr vermutlich noch keine Erinnerung an den Schmerz gespeichert, weil die entsprechenden Verbindungen im Gehirn noch nicht entwickelt sind. Erst im Laufe des 2. Lebensjahres können Kinder solche Erfahrungen speichern und fangen dann an zu schreien, wenn sie die Nadel sehen, mit der sie geimpft werden sollen. Sie haben schon eine Erinnerung an das letzte Mal und wissen nun, dass ein Schmerz bevorsteht. So versucht die neun Monate alte Britt noch mehrmals, mit den attraktiven, bunten Stecknadelköpfen zu spielen, die für sie so interessant sind, weil die Mutter an ihrer Nähmaschine so virtuos damit umgeht. Sie macht mehrfach die Erfahrung des schmerzhaften Stichs, bis sie die Finger davon lassen kann. Einem anderthalbjährigen Kind genügen sehr viel weniger derartige Erfahrungen, um aus eigenem Antrieb zu den bunten Glitzerdingern auf respektvollen Abstand zu gehen.

Tastsinn und soziale Intelligenz

Die volle Entfaltung des Tastsinns durch vielerlei Formen von Berührungserfahrungen, bildet die Grundlage der Entwicklungen sämtlicher Formen von Intelligenz: der sozialen, emotionalen und auch der kognitiven. Bei allen höheren Säugetieren beobachtet man ein intensives Lecken des Neugeborenen in den ersten Lebensstunden. Unterbindet man diesen Kontakt, z. B. bei Ziegen, für nur 24 Stunden, und gibt dem Muttertier anschließend sein Junges zurück, dann wachsen diese Tiere zwar heran, fressen und trinken, werden aber "soziale Idioten": Sie können nicht mit Gleichaltrigen spielen, finden keinen Anschluss an die Herde und können sich später nicht fortpflanzen. Ethnologen konnten noch im 19. Jahrhundert dieses Lecken der Neugeborenen bei einigen Naturvölkern beobachten. In unserer Kultur werden Babys getragen, gewiegt, gestreichelt: Nur Kinder, die auch auf diese Weise an Berührungen "satt" geworden sind, können ihr ganzes Intelligenzpotential entfalten. Auch darum ist im alltäglichen Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern "langsam" oft besser als "schnell".

Henris dritter Versuch, den Tuchzipfel wieder in den Mund zu kriegen, war erfolglos. Längst sind seine Unmutstöne in jämmerliches Geschrei übergegangen. Sein Vater unterbricht das Autowaschen und nimmt seinen kleinen Sohn auf den Arm. Er lässt ihn über seine Schulter schauen. Schlagartig ist Ruhe. Henri hört die vertraute Stimme, die beruhigend zu ihm spricht, fühlt die Wärme des Körpers seines Vaters, genießt das sanfte Schaukeln der Bewegung und den leichten Druck der großen Hand auf seinem kleinen Rücken. Henri hat sich beruhigt auf der Schulter seines Vaters. Alle seine Sinne, in erster Linie aber sein Tastsinn, signalisieren ihm: Alles o.k., keinerlei Gefahr, die Welt ist in Ordnung. Henri fühlt sich jetzt absolut sicher. Wie alle Sinne, kann auch der Tastsinn, sich nur durch den ständigen Gebrauch entwickeln. Deswegen ist liebevoller Körperkontakt, das viele Getragen-, Gehalten- und Gestreichelt-Werden so wichtig: Nur wenn er Reize in ausreichender Zahl und Qualität erhält, kann der Tastsinn reifen.
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