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Wie wird ein Mann ein Mann?

Vom Säugling zum Jung-Erwachsenen - jede Entwicklungsstufe hat seine Besonderheit.

Moderatoren: maeusemama21, Babett

Wie wird ein Mann ein Mann?

Beitragvon Ralf » Mi 15. Jul 2009, 12:19

Wie wird ein Mann ein Mann? Männliches Rollenverhalten und wie es entsteht

1. Männliches Rollenverhalten - was ist das?

Jeder kennt den Satz, "Sei ein Mann!". Den Satz, "Sei eine Frau!" kennt jedoch niemand. Anscheinend gehört zum "richtigen Mann" mehr als nur die biologische Geschlechtszugehörigkeit. Männlichkeit wird also erst erworben und erarbeitet. Dies geschieht in sogenannten primitiven Gesellschaften durch bestimmte Riten (Initiationsriten), die zumeist schmerzhaft sind und nicht selten bleibende körperliche Schäden bei den jungen Männern hinterlassen. Trotz gelungener Initiation müssen die Männer weiterhin ein Leben lang durch mutige Taten beweisen, dass sie "richtige Männer" sind.

Auch wenn in unserem Kulturkreis solch drastische Riten fehlen, haben es Männer trotzdem schwer. Der amerikanische Psychotherapeut Herb Goldberg beschreibt die Grundlagen von wahrhaft männlichem Verhalten als die "sieben maskulinen Imperative":
"Je weniger Schlaf ich benötige,
je mehr Schmerzen ich ertragen kann,
je mehr Alkohol ich vertrage,
je weniger ich mich darum kümmere, was ich esse,
je weniger ich jemanden um Hilfe bitte und von jemand abhängig bin,
je mehr ich meine Gefühle kontrolliere und unterdrücke,
je weniger ich auf meinen Körper achte -,
desto männlicher bin ich."

1.1. Kritik am Mann wird laut

Früher galt der Mann als Held, Ernährer und Beschützer; mittlerweile jedoch wird er nicht mehr so uneingeschränkt positiv gesehen. Ihm wird z. B. vorgeworfen: Er sei nicht in der Lage, Gefühle zu zeigen, ebenso wenig wie Schwächen einzugestehen oder gar zu lieben, von frauenverachtendem Verhalten bis hin zur Gewalt gegen Frauen einmal ganz abgesehen.
Diese "Unfähigkeiten" sind jedoch vielfach Folge seiner Rolle als Mann. Der Männerforscher Walter Hollstein sagt dazu: "Das Männlichkeitsideal von Härte, Leistung, ‚poker face‘ und Konkurrenz verlangt ständige Anstrengung, Streß in Permanenz und andauernde Selbstbehauptung." Dies ist eine Bürde, an der der Mann schwer trägt, da er dadurch letztendlich seine Menschlichkeit aufgibt. Doch erfüllt er diese Verhaltensnormen der männlichen Rolle nicht, gilt er gemäß der Rollendefinition unserer Gesellschaft nicht als richtiger Mann.

Dass diese Anforderungen die Gesundheit vieler Männer stark beeinträchtigen, zeigt die amerikanische Männerforschung. Sie müssen mit einem früheren Tod als die Frauen rechnen und das, obwohl diese mit vielen Belastungen, die gerade ihr Frausein bedingt, zurechtkommen müssen. Anscheinend beeinträchtigt das Männlichkeitsideal die Vitalität von Männern stark. Die WHO dokumentierte 1985 eindeutig den Vorsprung der Männer vor den Frauen in Sachen Herz- und Gefäßerkrankungen, verschiedener Krebsarten und anderer Krankheiten. Aber auch das Familienleben und die Partnerschaft haben zu leiden.


1.2. Männer als Familienväter

Die eigene Familie ernähren zu können gehört nach wie vor zum männlichen Selbstverständnis. Männer möchten jedoch nicht nur Existenz sichern, sondern auch Karriere machen. Dafür müssen sie einiges in Kauf nehmen: Von leitenden Angestellten und Managern in Führungspositionen wird erwartet, daß sie immer, wenn nötig zur Verfügung stehen, notfalls bis in den späten Abend oder am Wochenende. Dies bedingt notwendigerweise ein Zuwenig an Zeit, welche für die Familie übrigbleibt. Damit haben die Männer zuwenig Einfluss auf ihre Kinder und die Frauen fühlen sich häufig alleingelassen.

Doch nicht nur der Zeitmangel, sondern auch die speziellen Anforderungen im Berufsleben belasten die Familie. Das Anforderungsprofil des Erwerbslebens ist nämlich ein eindimensionales: Verlangt werden dabei Disziplin, Pünktlichkeit, Fleiß, Leistung, Härte, Durchsetzungsvermögen, Rationalität und Konkurrenzverhalten. Damit ist der Mann durch die meisten Formen der Erwerbsarbeit von der Befriedigung seiner menschlichen Bedürfnisse (der zweiten Dimension), wie der nach Emotionalität und Kommunikation abgeschnitten.

Es ist jedoch nicht genug damit, daß der Mann diesen Anforderungen und Beschränkungen während seiner mindestens acht Stunden täglich dauernden Erwerbstätigkeit gerecht werden muss. Sie spielen auch im Privaten eine tragende Rolle, da die im Beruf übernommene Rolle zu Hause nicht einfach - wie eine Maske - abgenommen werden kann.

Die Erfordernisse des modernen Berufslebens wirken sich jedoch nicht nur "hemmend" auf das Familienleben aus, sondern sie stehen sogar im Gegensatz zu diesem: Das oberste Ziel der Marktwirtschaft ist die Steigerung des Gewinns, weswegen dort auch die Prinzipien, Rationalität, Wettbewerb und Wandel gelten. Im Familienleben hingegen wird die Erfüllung emotionaler Bedürfnisse und die Sinnfindung angestrebt. So schreibt der Ehe-, Familien- und Lebensberater Hans-Günter Gruber: "Hier steht nicht Rationalität, sondern Emotionalität, nicht Konkurrenz, sondern Solidarität, nicht das Prinzip des Individualismus, sondern das der gegenseitigen Liebe und Zuneigung im Mittelpunkt." Durch diese Gegensatzpaare ergeben sich Spannungen, die auszugleichen vielen entweder kaum oder gar nicht gelingt.


1.3. Männer als Partner

Im partnerschaftlichen Bereich bestehen die Probleme vor allem im Bereich Kommunikation:
Wesentlicher Bereich dabei ist das Sprechen über Gefühle und Befindlichkeiten. Dies fällt jedoch den Männern aufgrund ihrer Sozialisation oft schwer (Sozialisation ist nach Duden: "Einordnung des (heranwachsenden) Individuums in die Gesellschaft und die damit verbundene Übernahme gesellschaftlich bedingter Verhaltensweisen"). Sie haben Angst vor Verschmelzung und Kontrollverlust, weswegen ihnen an einer gewissen Distanz zu ihren Partnerinnen gelegen ist, die diese gerne aufheben würden. Ein weiterer Grund für die emotionale Distanz ist, daß Männer das Sprechen über Gefühle und Befindlichkeiten eher dem Weiblichen zuordnen. Mit dieser Abspaltung der Gefühle und der Zuordnung zum Weiblichen an sich, geht eine Abwertung einher: Der Mann verachtet nicht nur die Schwäche, sondern auch die Frauen, die diese zeigen können. Man(n) hat logisch, rational und vernünftig zu sein und zu handeln. Aufgrund dieser Zuordnung wollen sie sowohl die Wichtigkeit der eigenen Gefühle als auch die der Partnerin nicht wahrhaben. Dabei ist das "Fühlen" der eigenen Gefühle der erste Schritt, um in angemessener Weise mit diesen umgehen zu können. Gefühle gehören zum Menschsein, d. h. sie sind weder männlich noch weiblich und verlangen nach angemessener Beachtung und Ausdruck.

Nach wie vor scheuen viele Männer den - eventuell konflikthaften - Dialog mit ihren Partnerinnen, da sie diesen als endlos, anstrengend und vor allem nicht gewinnbringend empfinden. Außerdem befürchten sie, mit Ärger, Unzufriedenheit und Kritik konfrontiert zu werden, was sie oft durch ihre Abwesenheit zu vermeiden versuchen. Diese Vermeidungsstrategie hat jedoch nicht den gewünschten Effekt, sondern eher den gegenteiligen. In den Partnerinnen staut sich so das Bedürfnis nach Klärung, was dann noch vehementer eingefordert wird. Der Effekt ist, daß sich die Männer noch mehr "ausklinken". Lieber wäre es ihnen, zu Hause eine sie umsorgende Partnerin nach dem täglichen beruflichen Kampf vorzufinden, die ihren Bedürfnissen Rechnung trägt. Sie verkennen damit bestehende Probleme, die selbst wahrzunehmen ihnen schwer fällt. Das hat zur Folge, dass mehr Frauen als Männer angeben mit ihrer derzeitigen Beziehung unzufrieden zu sein und auch die nötigen Schritte zur Behebung der Probleme einleiten wollen, wie z. B. eine Eheberatung.


2. Früh übt sich, was ein richtiger Mann werden soll: männliches Rollenverhalten - auch schon bei kleinen Jungen

Es stellt sich nun die Frage, wie dies alles zustande kommt, d. h. unter welchen Bedingungen sich die eben beschriebenen Verhaltensweisen herausbilden können. Dafür sind zwei Sachverhalte ausschlaggebend, die im Folgenden erläutert werden: Die anfänglich starke Verbundenheit des Säuglings mit der Mutter und dann - beim größeren Kind - die Bedingungen in Kindergarten und Schule.


2.1. Das tiefenpsychologische Entwicklungsmodell

Ausgangspunkt für dieses Modell ist die anfängliche Symbiose - das Einssein - des Säuglings mit der Mutter. "Das erste Liebesobjekt im Leben eines jeden Menschen ist eine Frau, die Mutter. Für beide Geschlechter, für Jungen und für Mädchen, sind die größten Freuden, Lustgefühle und Enttäuschungen in der ersten Zeit des Lebens mit dem weiblichen Körper verbunden. Unabhängig davon, wie sich Männer und Frauen die Arbeit aufteilen, die mit der Versorgung des Neugeborenen verbunden ist, werden die Kinder von ihren Müttern ausgetragen, geboren und in aller Regel gestillt. Die Beziehung zur Mutter ist leiblich begründet. Auch wenn sich ein Vater sehr um sein Kind kümmert, nachts aufsteht, es wickelt, füttert und mit Küssen überhäuft - der Besonderheit, der ‚Exklusivität‘ der frühen Mutter-Kind-Beziehung können all diese sinnvollen Aktivitäten nichts anhaben." Diese Symbiose muß notwendigerweise irgendwann ein Ende finden. Das Kind soll ja irgendwann einmal selbständig sein. Sowohl für Mädchen als auch für Jungen stellt dies eine schwierige Aufgabe dar, wobei das männliche Kleinkind vor die größeren Anforderungen gestellt ist. Der Junge muß im Gegensatz zum Mädchen seine Andersartigkeit der Mutter gegenüber feststellen. Das Mädchen sagt: "Ich bin wie Mama" (= Identifikation). Der Junge sagt: "Ich bin nicht wie Mama." Die Herauslösung aus der Symbiose mit der Mutter beginnt ab dem 10. Monat. Bis dahin kann der Säugling noch nicht zwischen sich selbst und der Mutter unterscheiden. "Und jetzt soll ich plötzlich ein anderer sein? Aber was für einer bloß?" Dies kommt einem Identitätsbruch gleich. Die neue Identität - wer oder was bin ich denn eigentlich? - muß vom kleinen Jungen erst mühsam erworben werden.

Der erste Schritt auf dem Weg zur Männlichkeit ist, sich selbst als Nicht-Frau zu betrachten. Nach dem Motto: "Wenn ich ein Junge sein will und später ein Mann sein will, dann darf ich mich nicht weiblich verhalten!" So ist die eigene Identität eine Frage der Abgrenzung. Spätestens an dieser Stelle ist der Vater gefragt. Er hilft dem Kind durch seine verstärkte Beschäftigung mit ihm, aus der Symbiose herauszufinden. Das Kind merkt, dass noch eine andere Person existiert, die ihm etwas gibt und bei der es sich wohl fühlen kann. Viele Väter sind jedoch nicht in der Lage eine emotionale Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen. Sie sind innerlich abwesend und gerade die Vater-Sohn-Beziehung verläuft schweigend und distanziert. Z. B. werden häufig körperliche Kontakte zwischen Vätern und ihren Söhnen nach dem Kindergartenalter von den Vätern nicht mehr zugelassen aus Angst vor einer "Verweiblichung" der Söhne. Fehlt jedoch eine positive Identikationsfigur, bieten sich zur Orientierung für den Jungen oft nur die destruktiven und stereotypen Rollenangebote der Spielzeug-, Fernseh- und Werbeindustrie an.

Doch nicht nur das Kind - in unserem Fall das männliche - sucht sich aus der Symbiose zu befreien. Auch die Mutter weiß, daß sie das Kind langsam aber sicher von sich entfernen muss. Das gilt für das männliche Kind in besonderem Maße, da es ja einmal ein Mann werden soll. Walter Hollstein schreibt dazu: "Die allseits Umsorgende und Liebende wird plötzlich zur Fordernden und verlangt zudem noch Eigenschaften wie Härte, Konkurrenzverhalten und Distanz, die sie ihrem Sohn gegenüber noch niemals gezeigt hat." Dieses erste versagende Verhalten kann beim Knaben einen lebenslangen offenen oder latenten Frauenhaß hervorrufen, wenn nicht auch der Vater sich das Geben und Versagen zur Aufgabe macht. Also gilt für die Vaterrolle: nur fröhlicher Spielkamerad zu sein, ist zu wenig. Gefragt sind Väter, die sich emotional auf ihre Kinder einlassen können.


2.2. Wie Jungen aufwachsen: Kindergarten und Schule

Nachdem in den ersten Lebensjahren das Kind fast ausschließlich mit seinen Eltern zusammen war, kommt das Kind nun mit 3 - 4 Jahren in den Kindergarten. Es bringt dorthin bereits - wie wir gesehen haben - die grundsätzlichen Vorstellungen, wie sich die Geschlechter zu verhalten haben mit. D. h. Kinder wissen, was die Erwachsenen von ihnen erwarten (unausgesprochen oder auch ausgesprochen). Jungen sollen raue Spiele spielen, in der Bauecke bauen, draußen spielen und lieber mit anderen Jungen als mit Mädchen, sie sollen sich eher aggressiv verhalten und miteinander raufen. Somit verhalten sich schon die ganz Kleinen ausgesprochen geschlechtsrollentypisch. Dieses Verhalten geht oft zu Lasten der kleineren und schwächeren Jungen und der Mädchen. Diese bekommen so einiges an Aggressivität ab und außerdem erhalten sie so nicht genügend Zuwendung, da die Aufmerksamkeit und das "Sich-Kümmern" der Erzieherinnen auf die Störer und Rabauken gerichtet ist. Das bedeutet, daß die Jungen mehr Aufmerksamkeit bekommen. Dies geschieht nicht nur im negativen Sinne, wie durch Ermahnen und Schimpfen, sondern auch dadurch, dass die Erzieherinnen z. B. in Gesprächskreisen vermehrt auf das eingehen, was die Jungen erzählen. Ihre Argumente, Ideen und Gedanken werden für wichtiger genommen. Zum Thema Aufmerksamkeit durch "Rabaukentum" und ständiges Stören merken Schnack und Neutzling jedoch kritisch an: "Es wird häufig argumentiert, dass es den Jungen in der Schule besser ergeht, weil sie sich holen, was sie brauchen. Auch negative Aufmerksamkeit sei schließlich Aufmerksamkeit. Es sei psychisch viel gesünder, Konflikte nach außen zu tragen, als sie in sich hineinzufressen. Andererseits möchte kein Mensch nur Aufmerksamkeit erregen, sonst würden wir alle nur mit lauten Trommeln, Trillerpfeifen und Böllern durch die Straßen laufen. Wir wollen als Individuum gesehen und liebevoll betrachtet werden. Und bekommt ein Junge, der sich durch Störungen, Clownereien, Zappeligkeit und Frechheit in den Vordergrund spielt, wirklich, was er braucht?" Und weiter: "Hinter ihren Disziplinverstößen, Dominanzansprüchen und Störungen verbirgt sich eine große Bedürftigkeit. Sosehr sie sich in den Vordergrund spielen und den Entfaltungsspielraum von anderen Kindern (von Mädchen und stilleren Jungen) einschränken, so wenig bekommen sie, was sie brauchen. Warum sonst müßten sie ununterbrochen und mit hoher Frequenz immer weiter stören?"

Betrachtet man die Spiele der Kindergartenkinder genauer, kann man feststellen, daß sich oft geschlechtshomogene Gruppen bilden. Mädchen spielen mit Mädchen, Jungen mit Jungen. Diese Gruppen koexistieren jedoch nicht friedlich, sondern es entstehen häufig Spannungen. Diese werden entweder offen ausgetragen oder als Thema mit in die kindlichen Spiele hineingenommen. Dabei spielen sowohl Mädchen als auch Jungen die traditionelle Rolle, die sich auch stark in den von den Kindern konsumierten Fernsehsendungen wiederfindet. Dabei werden z. B. von den Mädchen Prinzessinnen gemimt, die erst von den Jungen gefangen und gefesselt und dann wieder befreit werden. Dabei sind die Anführer und Gestalter der Spielszenarien zumeist die Jungen, die Mädchen ordnen sich unter. Die meisten Erzieherinnen bemerken dies nicht und steuern deshalb nicht dagegen. Somit wird in der frühen Sozialisation im Kindergarten auch durch den unkritischen Umgang der Erzieherinnen mit dem Verhalten der Kinder die Herausbildung der typischen Geschlechtsrollen gefördert. Voraussetzung für eine Änderung wäre hier die Reflexion der eigenen Vorstellungen über männliches und weibliches Verhalten seitens der Erzieherinnen, die sich im übrigen auch im Kontakt mit den Eltern niederschlagen. So werden die Väter gebeten im Kindergarten zu werken, die Mütter Kuchen zu backen.

In der Schule setzt sich der Trend dann weiter fort. Sie ist neben der Familie einer der wichtigsten Lebensbereiche für Kinder. Dort wird nicht nur gelernt, sondern es werden auch soziale Beziehungen geknüpft und Freundschaften geschlossen. Auch hier sind die Unterschiede im Verhalten von Jungen und Mädchen wieder sehr groß. Während sich die Mädchen eher um soziale Akzeptanz im Sinne von Beliebtheit bemühen, spielt für Jungen der Aufstieg in der Gruppenhierarchie durch bestimmte Fertigkeiten wie z. B. durch sportliche Leistungen eine große Rolle. Dies deshalb, weil Jungen in einer ständigen Konkurrenz zueinander stehen (wer ist der Größte, der Schnellste, der Geschickteste... ? Ein richtiger Junge eben!). Sie wollen jedoch ebenso wie die Mädchen Anerkennung, bekommen diese aber nicht durch das Knüpfen von emotionalen Beziehungen, sondern durch das Erbringen von Leistung. Dies ermöglicht den Mädchen natürlich ein dem sozialen Klima zuträglicheres, nämlich ein die anderen unterstützendes Verhalten.

In der Schule findet das Verhalten der Erzieherinnen im Kindergarten eine Verlängerung. Jungen bekommen mehr Aufmerksamkeit, Lob, Tadel, Blickkontakt, mehr räumliche Nähe, mehr Rückfragen und Rückmeldungen als Mädchen. Jungen beherrschen in gemischten Klassen das Unterrichtsgeschehen. Jungen reden durchschnittlich öfter und länger als Mädchen, sie unterbrechen häufiger und schreien wesentlich öfter ungefragt dazwischen. Ihre Wortmeldungsinhalte beziehen sich oft nicht direkt auf das Thema. Jungen (bzw. ein Teil der Jungen) stören so im Durchschnitt häufiger den Unterricht, sie sind lauter und verhalten sich allgemein disziplinloser als Mädchen. Jungen erhalten in der Regel zwei Drittel der Aufmerksamkeitszeit des Unterrichts. Bemerkenswerterweise fühlen sich die Jungen schnell benachteiligt, wenn die Mädchen mehr Zeit für sich zu beanspruchen scheinen, selbst wenn die Mädchen nachgewiesenermaßen immer noch weniger als die Hälfte der Sprech- bzw. Aufmerksamkeitszeit erhalten.

Die bereits im Kindergarten angetroffenen Verhaltensweisen verfestigen sich so in der Schule weiter. Die Jungen stören, (wett)kämpfen und konkurrieren miteinander. Jungen erfahren mehr Beachtung ihrer Belange, Wortbeiträge etc. als Mädchen, was ihr Selbstbewußtsein stärkt und zu einem Gefühl männlicher Überlegenheit führt.


3. Schlussbemerkungen

Betrachtet man die Sozialisation kleiner Jungen, erstaunt es nicht, dass sie sich so verhalten, wie sie es tun. Natürlich finden diese Verhaltensweisen dann im späteren (Erwachsenen-) Leben ihre Fortsetzung. Obwohl Mädchen und Frauen viele Benachteiligungen zu erdulden haben, wird ihnen nicht derartig die Menschlichkeit "abgezapft" wie den Jungen und später den Männern. Mädchen dürfen schwach sein und weinen, lieb sein, weich sein, vital sein; sie dürfen sich notfalls auch wie Jungen benehmen und wild sein. Ihnen wird für gewöhnlich das gesamte Spektrum an menschlichen Regungen und Gefühlen zugestanden. Die Jungen hingegen sind rigorosen Rollenklischees unterworfen, welche sie selten einmal über den "Haufen werfen" dürfen. Selbst wenn die ersten drei Jahre eines Jungenlebens noch einigermaßen positiv verlaufen (die Ablösung von der Mutter gelingt, nicht zuletzt weil der Junge einen engagierten Vater hat, der weich und zärtlich sein und etwas geben kann), kommt unausweichlich der Augenblick, wo die Gesellschaft mitsozialisiert. Im Kindergarten die Erzieherinnen, die zumeist nicht in der Lage sind, geschlechtsrollentypisches Verhalten kritisch zu sehen. Erzieher männlichen Geschlechts fehlen zudem fast völlig. Diese könnten jedoch ein vorhandenes Fehlen an väterlicher Zuwendung ausgleichen helfen und ein anderes Bild von Männlichkeit anbieten.

Die Toleranz der Umwelt, wenn sich Jungen nicht "typisch" verhalten, nimmt mit zunehmendem Alter immer mehr ab. Ist es im frühen Kindergartenalter noch möglich, sich mit "weiblichen" Attributen auszustatten (schon mancher Junge wollte den Nagellack der Mutter ausprobieren), ist dies spätestens ab der Schulzeit endgültig vorbei. Benard und Schlaffer benutzen den Begriff "Geschlechterpolizei" für die Kontrollinstanz, bestehend aus älteren Jungen, die den Kleineren, so sagen sie, die Männlichkeit einprügeln. Dazu ein Beispiel: Ein Junge wurde von den größeren Jungen geärgert, "als seine Klassenkameraden zufällig erfuhren, daß er am Vorabend die Hausaufgabe telefonisch bei einem Mädchen erfragt hatte. Ein Mädchen anrufen bedeutet, in sie ‚verliebt‘ zu sein." Auch Schnack und Neutzling nennen ein Beispiel: Vater Klaus bringt seinen Sohn Simon (1. Klasse) in die Schule. Dieser springt zum Abschied auf den Arm seines Vaters und gibt ihm einen Kuß. Ein anderer Junge sieht dies und kommentiert: "Guck mal den Simon, er geht ja noch auf den Arm. Wie 'n Baby." Eine für den kleineren Jungen sicher üble Blamage. Sich aus Versehen als Zuwendung suchendes Baby geoutet zu haben, war sicher sehr unangenehm für ihn.

Wen wundert es, daß aus Jungen, die tagtäglich solche Erfahrungen machen müssen, später einmal Männer werden, die von ihren Frauen als emotional unzugänglich beschrieben werden und die keinen rechten Kontakt zu ihren Kindern finden können? Wen wundert es, daß die Männer um einiges früher sterben als die Frauen? So sprechen die Autoren Paul Zuhlener und Rainer Volz in diesem Zusammenhang vom halbierten Leben der Männer, das unnötig einseitig sei. Doch besteht auch Anlaß zur Hoffnung, dass sich, wenn auch nicht kurzfristig, so doch langfristig die Rollenzuweisungen aufweichen werden.
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