von Ralf » Mi 15. Jul 2009, 12:11
Diese Entwicklungsphase umfasst das Alter von zwei bis fünf Jahren. Sie unterteilt sich ihrerseits in das Kleinkindalter (zwei bis drei Jahre) und das Vorschulalter (vier bis fünf Jahre). Im zweiten und dritten Lebensjahr wird das Kind über die Mutter-Kind-Dyade hinaus in die soziale und kulturelle Gemeinschaft eingeführt. Um den ersten Geburtstag (zwischen zehn und fünfzehn Monaten) beginnen die Kinder mit dem Gehen und Laufen. Sie befinden sich in ihrer körperlichen Entwicklung in der so genannten "ersten Fülle", was bedeutet, dass sich das Längenwachstum relativ verlangsamt und eine Zunahme an Muskel- und Fettmasse zu verzeichnen ist. Die Extremitäten (Arme und Beine) erscheinen im Verhältnis zum Rumpf recht kurz, und der Kopf ist in Beziehung zum Rumpf verhältnismäßig groß (Proportion Kopf : Körper = 1 : 5). Das Skelettsystem ist stabiler und ermöglicht eine bessere Körperbeherrschung und Fortbewegung.
Das Laufen lernen stellt für das Kind in dieser Zeit eine echte Entwicklungsaufgabe dar. Die Art der Bewältigung dieser Aufgabe kann das weitere Leben des Kindes, wie die kognitive Entwicklung (Denken und Sprache), die soziale, motivationale und die Spielentwicklung wesentlich beeinflussen.
Enorme Fortschritte werden in der Denkentwicklung erreicht. In ihr vollzieht sich eine Entwicklung vom zunächst anschaulich-handelnden Denken in situativen aktuellen Bedingungen (zu Beginn des zweiten Lebensjahres) über eine zunehmend auf Vorstellungen (Bilder, zunehmend auch Schemata und Symbole) beruhendes bildhaft-anschauliches Denken (Ende des zweiten Lebensjahres) zu einem urteilenden-vorausschauenden Denken (Ende des dritten Lebensjahres). Nach Piaget (1969) befindet sich das Kind auf der Stufe des voroperatorischen, anschaulichen Denkens, welches gekennzeichnet ist durch unangemessene Verallgemeinerungen und finalistische Erklärungen. Diese stehen wiederum im Zusammenhang mit dem zu dieser Entwicklungsphase gehörenden ausgeprägten Egozentrismus des Kindes. Der Egozentrismus tritt sowohl in der Wahrnehmung als auch in der sozialen Interaktion des Kindes auf. Er wird nach Piaget erst überwunden durch Erfahrung und Speicherung unterschiedlicher Ansichten sowie durch sozialen Austausch in der Kommunikation mit Sozialpartnern.
Die Denkentwicklung ist also verbunden mit der Entwicklung der Sprache, des kindlichen Spiels und der sozialen Beziehungen. In der Entwicklung des Wortschatzes lassen sich drei Phasen unterscheiden. Beim frühen Worterwerb (etwa ab dem 10. Lebensmonat) handelt es sich um assoziative Verknüpfungen im sozial-interaktiven Lernkontext. Diese Phase mündet mit ca. eineinhalb Jahren in eine "Benennungsexploration", einem schnellen Wortlernen für Objekte und Objektmerkmale, womit auch der Beginn der produktiven Grammatik einsetzt. Kinder dieses Entwicklungsalters sind in der Lage, Mehrwortsätze zu bilden und entsprechend ihren aktuellen Wahrnehmungen neue Wortschöpfungen herzustellen.
Mit ungefähr vier Jahren beherrschen sie die hauptsächlichen Satzkonstruktionen ihrer Muttersprache, so dass die Sprache für Kinder dieser Entwicklungsphase in ihrer Erkenntnis- und Mitteilungsfunktion ausgebildet ist. Eine wechselseitige Bedingtheit lässt sich auch in dieser Phase zwischen Sprach- und Spielentwicklung ausmachen. Es gilt als gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis, dass im Spielverhalten sich eine bestimmte, auch über verschiedene Kulturen hinweg beobachtbare altersabhängige Reihenfolge in der Entwicklung der Spielhandlungsstruktur zeigt. Das zunächst auftretende sensumotorische Spiel nimmt zwischen dem siebten und dreißigsten Lebensmonat allmählich ab. Dagegen nimmt der Umgang mit Gegenständen im Sinne von Exploration und Konstruktion zwischen neun und dreizehn Monaten zu. Mit dem 12./13. Monat ist wiederum eine neue Qualität entstanden, es beginnt das Symbolspiel (Spielen mit Spielzeugen), welches dann im Kleinkindalter bis zum Vorschulalter dominiert und danach allmählich in der Häufigkeit abnimmt. Das sich anbahnende kooperative Rollenspiel (z. B. Spielen mit anderen Kindern) ist bei Dreijährigen noch kaum ausgeprägt zu finden, während alle Vierjährigen, normale Entwicklung vorausgesetzt, Rollenspiele ausführen.
Auch eine weitere Aktivitätsweise, das Zeichnen und Malen hat in dieser Entwicklungszeit seine Besonderheit. Nach zunächst drei voneinander unterscheidbaren Kritzelstufen, die von allen Kindern in mehr oder weniger ausgeprägter Form durchlaufen werden, erscheinen vom Kind dargestellte Mensch- und Tierzeichnungen. Diese werden zunehmend differenzierter und ganzheitlicher dargestellt, vom so genannten Kopffüßler zur geschlossenen Gestalt. Einhergehend mit den genannten Entwicklungen vollzieht sich eine Veränderung in den sozialen Beziehungen. Sie verlaufen von einer zunächst hauptsächlichen Eltern-Kind-Beziehung zur Aufnahme situativ bedingter Kind-Kind-Beziehungen, in welchen gesprochen, gefragt, gespielt, gemalt, sich ausgetauscht wird und Erfahrungen gesammelt werden. Dies trägt zur weiteren Differenzierung der kindlichen Persönlichkeitsstruktur bei.
Für das Vorschulalter ist dann charakteristisch, dass im körperlichen Bereich ein sichtbarer Entwicklungsfortschritt erkennbar wird. Es tritt allmählich der so bezeichnete 1. Gestaltwandel ein. Das Kind macht einen ersten Wachstumsschub durch, was zu Veränderungen in den Körperproportionen führt: Arme und Beine wachsen relativ schnell, der Rumpf wird schlanker, die Taille bildet sich heraus. Die Proportion Kopf zu Körper beträgt jetzt 1 zu 6 und die Gesichtsproportionen verändern sich. Die bis dahin vorliegende Dominanz des Obergesichts geht verloren, das Untergesicht differenziert sich aus, und das Kind verliert das Milchgebiss. In der Interaktion mit seiner unmittelbaren Umwelt, in der Kommunikation und beim Spiel erwirbt das Kind neue Kompetenzen für seine Schulfähigkeit, die nächste wichtige Entwicklungsetappe.
Während das Handeln des Kindes im Kleinkindalter hauptsächlich durch übersteigerten Ichanspruch motiviert war, hat es nun bereits durch Wetteifer Erfahrungen gesammelt und Gütemaßstäbe kennen gelernt. Dadurch ist es jetzt in der Lage, Leistungshaltung und -erwartungen zunehmend realistisch einzuschätzen (Joswig, 1995). Diese Kompetenzentwicklung wird durch kooperative Rollenspiele und die in dieser Zeit auch allmählich entstehenden Regelspiele unterstützt. Das Kind muss die Regeln verstehen und danach handeln können. Die Regelspiele dienen auch der Entwicklung des Wollens, der Erzeugung von Aufgabenhaltung und des Durchhaltevermögens. Auch die soziale Entwicklung wird durch sie angeregt, indem das Kind lernt, Kontakte aufzunehmen, kontaktbereit zu sein und sich in Gruppen einzuordnen.