von Ralf » Mi 15. Jul 2009, 12:08
Die psychische Entwicklung des Menschen, die individuelle Lebensgeschichte seines Empfindens, seines Wollens, Denkens und Handelns beginnt bereits mit der Empfängnis (Konzeption). Dieser Vorgang fixiert die Erbanlagen und legt somit Möglichkeiten der künftigen Entwicklung ungefähr fest. Mit der Empfängnis sind Vater und Mutter bestimmt mit ihren biologischen und sozialen Bedingungen. Diese Konstellation ist bereits von diesem Zeitpunkt an entwicklungsfördernd oder aber entwicklungshemmend für das zukünftige Leben des Kindes. Die Einbeziehung der vorgeburtlichen Periode in die psychische Entwicklung des Kindes ist deshalb so bedeutungsvoll, weil in der Zeit von der Empfängnis bis zur Geburt vielfältige Prozesse des Wachsens und Reifens, aber auch schon des Lernens ablaufen, die jene Voraussetzungen schaffen, die für die Existenz in der biologischen und sozialen Umwelt notwendig sind.
Der Zeitraum der Schwangerschaft umfasst bei termingerechter Geburt 40 Wochen. In dieser Zeit wächst im Mutterleib aus einer Zelle ein lebensfähiger Mensch mit all seinen Organen und Gliedmaßen heran. Es werden zwei Phasen in dieser pränatalen Entwicklung unterschieden: das Embryonalstadium (die ersten acht bis zwölf Wochen) und das Fötalstadium (ab dem dritten Schwangerschaftsmonat). Im Embryonalstadium entwickeln sich sehr schnell die Körperstrukturen und inneren Organe des Kindes. Die Entwicklung des Zentralen Nervensystems (ZNS) beginnt bereits in den ersten Wochen nach der Empfängnis mit der Bildung von Nervenplatte und Rückenmark sowie ihrer räumlichen Orientierung für spätere Funktionen. Die sich bildenden Nervenzellen wandern in Richtung auf diese Orte. Als erstes werden das Sehzentrum und die Platzierung der Augen festgelegt, am längsten (bis zu sechs Monate nach der Geburt) vermehren sich die Nervenzellen im Kleinhirn, das besonders für die Koordination der Fortbewegung von Bedeutung ist.
Mit dem Beginn des Fötalstadiums sind die Organe bereits entwickelt und nehmen ihre Funktion auf. Das Gehirn macht in dieser Zeit enorme Wachstumsschübe durch. Die Nervenzellen und ihre Verbindungen vermehren sich rapide und das Zentrale Nervensystem differenziert sich weiter aus. Der Fötus entwickelt Aktivitäten weit früher (bereits in der 8. bis 12. Schwangerschaftswoche) als dies von der werdenden Mutter wahrgenommen wird. Er zeigt von früh an spontane Aktivität und strukturierte Aktivitätsmuster. Zunächst sind es globale Massenbewegungen, bald aber auch, bereits ab der 8. Woche isolierte Arm-, Bein- und Rumpfbewegungen. Ab der 10. Schwangerschaftswoche werden Armbewegungen und Berührungen des Gesichts mit der Hand sichtbar. Saugen und Schlucken treten ab der 12. Woche auf sowie auch Gähnen, Strecken und Räkeln. In der 17. Woche äußert der Fötus bereits von der Schwangeren wahrnehmbare Bewegungen und es erfolgen motorische Reaktionen des Fötus auf von außen erfolgende intensive Schallreize wie Musik, Huptöne u. ä.
Ab der 14. Schwangerschaftswoche lassen sich bereits Phasen der Aktivität mit kurzzeitigen Schüben und Ruhepausen erkennen und ab der 22. Woche sind Ruhe- und Aktivitätsphasen im Tagesrhythmus feststellbar. Die Verschaltung von Gehirn und Sinnesorganen findet zwischen der 23. und 37. Schwangerschaftswoche statt. Mit der 28. Woche ist bereits ein Reifegrad von Sinnesorganen, Motorik und ZNS erreicht, der im Fall einer vorzeitigen Geburt bei entsprechenden Lebens- und Pflegebedingungen ein Überleben möglich macht wie auch eine normale körperliche und psychische Entwicklung gewährleistet. Geschmacks-, Gehörs-, Tast- und Berührungssinne sind ausgeprägt und prinzipiell funktionsfähig. Sie können bereits acht Wochen vor der Geburt von außerhalb des Fötus stimuliert werden.
In der vorgeburtlichen Entwicklung gibt es Phasen, die hochempfindlich (kritisch) sind für schädigende Einflüsse bzw. auch Phasen mit mäßig schädigender Wirkung solcher Einflüsse. Es kann sich dabei um genetische und/oder auch gesundheitliche Risiken handeln sowie auch um psychische Belastungen der Schwangeren und Mangelversorgung. Genetische Risiken lassen sich aus der Plazenta-Untersuchung (ab der 11. Woche der Schwangerschaft) und der Fruchtwasser-Untersuchung (15. Woche) feststellen. Diese Untersuchungen sollten Mütter ab dem 35. Lebensjahr generell und jüngere Frauen bei Risikoindikationen durchführen lassen.
Als gesundheitliche Risiken gelten mögliche schädigende Einflüsse wie Infektions- und chronische Erkrankungen, schwangerschaftsbedingte gesundheitliche Probleme, Medikamentengebrauch, aber auch Umwelteinflüsse (z.B. Strahlen, Umweltgifte) und Merkmale des persönlichen Lebensstils (Alkoholgenuss, Nikotin, Drogengebrauch, Fehlernährung; Dörner, 1998). Solche Einflüsse wirken sich während der ersten drei Schwangerschaftsmonate vor allem schädigend auf die Organentwicklung des Kindes aus. Im Fötalstadium beeinträchtigen solche schädigenden Einflüsse insbesondere die Sauerstoff- und Nahrungsversorgung, die Gehirnentwicklung sowie die Aktivität des Fötus. Auch psychische Belastungen können schädigenden Einfluss erlangen, z. B. wenn die Schwangerschaft auf Ablehnung aus der Umwelt trifft, wenn komplizierte Lebensumstände und persönliche, ungelöste Konflikte bestehen. Mangelversorgung der Plazenta kann in den letzten Monaten der Schwangerschaft auftreten und gilt als das häufigste Risiko für eine spontane oder eingeleitete Frühgeburt. Gesundheitlicher Schutz und auch psychologische Betreuung der Schwangeren sind insgesamt wichtige Bedingungen für die pränatale Entwicklung des Kindes.